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MODESTIES – Werke von André Wostijn zur Spurensuche
21.05.2024
MODESTIES – Werke von André Wostijn zur Spurensuche
Neue monografische Ausstellung im Trinkhall Museum Liége
Gleich zwei neue beseelte Ausstellungen bietet das wallonische Outsider Art-Zentrum seit dem Frühjahr an: Zunächst die Themenausstellung „À l´œuvre“ mit dreißig Positionen im Obergeschoß. Hier wird Fragen wie „Existiert ein Kunstwerk? Von welcher Existenz ist es beseelt? Wo beginnt ein Kunstwerk?“ ( .. endet es, verliert es sich) nachgegangen. Überwiegend sieht man Schöpfungen von Werkstattschaffenden mit mentalen und psychosozialen Einschränkungen aus Belgien, aber auch vom autistischen US-Künstler Dan Miller (Creative Growth Art Center, Kalifornien) oder von Luciano Trebini und Paola Sensi vom italienischen Atelier La Manica Lunga. Zu diesen gesellen sich korrespondierende Partnerwerke wie etwa „Der Tod des Zirkus“ von Louis Pons aus Frankreich.

Zuvor aber erwarten den Besucher im Erdgeschoss die „Modesties d´André Wostijn“. Dank einer Schenkung ging fast der komplette Nachlass des jüngst verstorbenen belgischen Künstlers mit über 300 Arbeiten im Oktober 2023 dauerhaft ans Trinkhall Museum nach Lüttich. Hier hat er einen prominenten Platz in der Sammlung eines internationalen Museums. Schon in diesem Frühjahr konnte daraus eine erste monografische Ausstellung erstellt werden. Auf diese fokussiert sich der Verfasser dieses Beitrags nach seiner jüngsten Visite im spannenden Museum im Avroy Park.


ATELIER DE ZANDBERG ALS HEIMAT

Mehr als zwanzig Arbeiten von André Wostijn (1966 - 2022), der (s)eine Heimat im flämischen Atelier De Zandberg (Harelbeke) hatte, beeindrucken. Das Werkstatthaus in Westflandern stellt Kunstschaffenden mit geistigen oder psychischen Beeinträchtigungen Räume, Materialien, Präsentationsoptionen und Assistenzen bereit, ohne inhaltlich oder therapeutisch auf ihre Kreativitätsprozesse Einfluss nehmen zu wollen. Zandberg wurde 1992 in einer alten Jungenschule gestartet, deren Klassenzimmer heute als Ateliers dienen. Man betreibt auch eine Artothek, ein artist in residence-Programm und eine Internetgalerie. Die Website verrät mehr zum Künstler: „André Wostijn entwickelte aus seinen Erfahrungen im Atelier und der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern eine künstlerische Sprache, die die Lücke zwischen geschriebener Sprache und grafischer Zeichnung schließt. Er schrieb und zeichnete und entwickelte sich zu einem begabten Grafiker mit seinem eigenen Stil. Seine Arbeit ist spontan, spielerisch, positiv, ermutigend. André kreiert .. verbale und schriftliche Poesie, angewandte Kunst .. Grafik, Collage, Zeichnung und Malerei. Manchmal schuf er multimediale Hybride aus all dem. André Wostijn hat sich nach und nach einen Namen als Künstler gemacht, sowohl in sozialkünstlerischen Kreisen als auch darüber hinaus.“


KUNST UND POESIE IM JA-DUO

Seine Stationen verzeichnen Gruppen- und Einzelausstellungen in ganz Belgien, in den Niederlanden, Frankreich oder Serbien. Sei es in öffentlichen Kunsthäusern, Museen, Galerien, Bibliotheken, Kirchen, Banken, auf Kulturfestivals oder bei Privatadressen. Hervorzuheben ist seine lange Freundschaft mit dem etablierten flämischen Künstler José Vandenbroucke. Die beiden arbeiteten seelenverwandt fast zwanzig Jahre als effizientes Künstlerduo zusammen. André wählte hierfür den Namen „JA“ (für Jose & André und als Bejahungswort). Immer lauerte Dadaistisches in ihrem Output. Eine der letzten Aktivitäten war eine Gemeinschaftsausstellung mit José in der Bibliothek von Harelbeke im Jahr 2022. A.W. nahm auch auf der Biennale internationale de gravure contemporaine in Liége teil, wurde in die Collection von RTBF aufgenommen oder partizipierte beim Sociaalartistiek Festival in Gent. Ohne Affektiertheit oder Künstlichkeit zeichnet er mit seiner Kunst eine Kartografie persönlicher und menschlicher Wege und Irrwege: Die gravierten Furchen, ob leicht oder stark gesetzt, wirken wie Spuren unserer Unsicherheiten, unseres Zögerns oder unserer offenen Annäherungsversuche, all unserer Schritte am Rande unserer inneren und äußeren Wanderungen – fern wie nah – und unserer Rückkehr. So (sinngemäß) interpretiert es Carl Havelange, der Direktor des Trinkhall Museums.


AUSTAUCH MIT SELBSTHILFE SEELENLAUTE SAAR / MERZIG

Die markante Einzelausstellung ist noch bis März 2025 zu besichtigen. Pressereferentin Muriel Thies hält für den wachsenden deutschsprachigen Besucheranteil ein aktuelles Programmblatt auf Deutsch bereit. Ein Besuch des gesamten Hauses ist lohnenswert, das überdies eine gut geführte Fachbibliothek für Interessierte vorhält. Im angegliederten sozial-genossenschaftlichen Café-Bistro kann man seinen Besuch reflektieren und ausklingen lassen. Der Autor nahm seinen Trinkhall-Besuch im Mai im Auftrag der saarländischen Selbsthilfegruppe SeelenLaute Merzig-Wadern (unterstützt aus Mitteln der GKV-Gemeinschaftsförderung Selbsthilfe Saarland) als Weiterbildungsreferent im Thema Psychiatrieerfahrenen-Kunst wahr – für grenzüberschreitenden Informationsaustausch und Vernetzung. Dabei wurden der Museumleitung und der Bibliothek des Zentrums die jüngste Ausgabe der Selbsthilfe-Zeitung SEELENLAUTE mit mehreren Exemplaren zur Verfügung gestellt. In der Durchführung und Öffentlichkeitsarbeit der kleinen Seminarreise nach Belgien assistierte die Medienstelle des europäischen Kunstprojekts Art-Transmitter.de.

Trinkhall Museum, Parc d’Avroy, B-4000 Liège. Führungen nach Anmeldung. Zu Öffnungszeiten und Eintritt siehe www.trinkhall.museum. E-Mail: info@trinkhall.museum, Telefon +32 4 222 32 95

- Art-Transmitter-Sonderbeitrag von Gangolf Peitz (© Text + Foto, Mai 2024) -
www.trinkhall.museum
 
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