Kunstklasse Heiligenhafen
Die "Kunstklasse" - eine Klasse für sich
Kunstmaler Jiri Keuthen (54) hat mit der Gründung der ersten "Kunstklasse" im Fürderbereich der psychatrium GRUPPE Heiligenhafen völlig neue Wege beschritten, die bei seinen Schülern sehr gut ankommen und sie augenscheinlich zu beeindruckenden Leistungen inspirieren. Patienten, Bewohner und externe Teilnehmer sind unter seiner Anleitung gemeinsam aufgebrochen in die Welt des Zeichnens und Malens. Nach einem halben Jahr zog der Künstler nun Bilanz und feierte mit seinen Schülern ihre erste öffentliche Ausstellung mit einer Party.

Die zahlreichen Exponate, die weitläufig in verschiedenen Räumen und Fluren der Pavillons zu sehen sind, regten die Besucher zu Diskussionen an. Viele Künstler gaben Auskünfte über ihr Schaffen und die ausgestellten Werke. Nicht verwechselt sehen will Jiri Keuthen, der als freie Honorarkraft in den Diensten der Klinik steht, sein Engagement mit den ebenfalls in den Einrichtungen vorhandenen therapeutischen Angeboten. Fundament seiner Arbeit ist ein sehr intensiver Unterricht, der das Schöpferische fordert und in seinen Schülern freisetzt. Begonnen habe man mit Zeichnen, "denn Zeichnen ist die beste Art der Gedankenübertragung und die effektivste Schulung für andere künstlerische Medien", so Keuthen. "Malerei ist schon schwieriger", sie sei die sensibelste Disziplin in den bildenden Künsten.
Viele seiner Schüler hätten in der zurückliegenden Zeit überraschend klare Fortschritte erzielt, und zwar ohne vorherige künstlerische und kunstgeschichtliche Kenntnisse. "Das Fundament dafür ist mein sehr intensiver Unterricht, den es in vergleichbaren Schulen, Volkshochschulen und Kunstakademien kaum geben dürfte."
Nähe, Vertrauen, Augenhöhe, Respekt und genügend Zeit miteinander sind Keuthens wichtigste Formeln für den Erfolg, von dem sich jeder überzeugen könne. "Jeder kann ein einmaliger Künstler werden - auch ohne Handicap oder gerade wegen eines Handicaps - wenn er Feuer und Leidenschaft trainiert, Disziplin und tiefe Freude entwickelt", so die These des seit über 25 Jahren selbstständig tätigen Künstlers, der noch weitere Schüler in die Kunstklasse aufnehmen möchte.? Das Prinzip des ärderns und des Geördertwerdens kann Kunstschüler Jens W. Schulte bestätigen: "Hier geht es eben zu wie in einer Kunstklasse und nicht wie in einer Therapie." Keuthens Konzept sei es, die Wahrnehmungsfähigkeit besonders der Schüler mit Handicap nach außen zu schulen und zu erweitern, Selbstvermögen und Mut aufzubauen.
Der Ansatz "zu machen" und "innere Welten auf das Papier zu bannen" hat sich offensichtlich bewährt. Die Vielfalt der Werke und die in ihnen zum Ausdruck kommende Schaffenskraft dürfte auch diejenigen verblüffen, die zuvor vielleicht eine gedankliche Trennlinie zwischen Künstlern mit und ohne Handicap gezogen haben. Es ist keine Präsentation von Outsider-Kunst, es ist ein Projekt, das unter realen Bedingungen Leben lehrt.
In den 25 Jahren seiner Tätigkeit hat Keuthen, der sich als ehemaliger Schüler Josef Beuys einen Namen mit zeitkritischen Werken gemacht hat, im Inland und Ausland ausgestellt. Arbeiten von ihm sind in öffentlichen Sammlungen unter anderem in Düsseldorf, Köln, Sofia und im Schloss Moyland, der Kunststiftung des Landes Nordrhein-Westfalen, zu sehen. Er hat inzwischen eine Reihe von Schriften mit Reflexionen zur Kunst herausgegeben. Seit dem Frühjahr 2003 arbeitet und lebt der Künstler mit seiner Familie im „Zuckerturm“ auf dem Areal der psychatrium GRUPPE in Neustadt.
Ralf-Gero Dirksen
Quelle: Der Eppendorfer 6/2005

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