Nachrichten
28.02.2012
Gegen den Sinn des Persönlichen Budgets
Presseerklärung zur Einschränkung der Rechte Behinderter im Saarland
Saarbrücken. Im Saarland soll das Recht behinderter Menschen auf ein Persönliches Budget eingeschränkt werden. Betroffenen soll zukünftig verwehrt sein, sich selbstbestimmt Hilfen im Bereich Alltagsgestaltung zu organisieren. Nach Auffassung des Landesamtes für Soziales hätten diese Hilfen ihren Zweck nicht vorrangig in der Eingliederung behinderter Menschen, sondern dienten nur dem allgemeinen Wohlbefinden. Die definierten Rechte von BürgerInnen mit Behinderungen sollen hier eingeschränkt werden, konkret: integrierende Teilnahmen bei VHS-Seminaren, einem Tai Chi-Kurs oder der Besuch eines Fitnesscenters seien nicht mehr budgetfähig. „Den Hilfebedarf entscheidet der Leistungsträger“ heißt es harsch von der Behörde und man rät z.B. alternativ den Besuch einer Tagesklinik. Die Informationen haben bei den Betroffenen Angst und Sorgen ausgelöst. Im Saarland sind derzeit 266 Persönliche Budgets gewährt, mehrheitlich an Menschen mit seelischen Behinderungen. Erste rechtliche Schritte gegen Ablehnungsbescheide laufen, wenngleich dies die Betroffenen zusätzlich gesundheitlich belastet.

Bestürzung äußerten u.a. Selbsthilfeverbände. Lt. LAG PE Saarland ist die neue Sicht- und Vorgehensweise des regionalen Amtes unrechtmäßig, persönliche Genesungsentwicklung und Gesundheitserhalt würden so behindert. Das Selbstbestimmungsrecht der Betroffenen dürfe nicht verletzt, dieses wichtige Hilfeinstrument nicht auf den Kopf gestellt werden.

Mit gemeinsamer Presserklärung vom 23.02.2012 haben sich Betroffenenverbände, Angehörige und Fachleute solidarisiert. Sie weisen darauf hin, dass der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention vorsieht, dass Menschen mit Behinderungen ein Recht auf eine selbstbestimmte und umfassende Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens haben sollen. Gerade die Wahlfreiheit des Persönlichen Budgets soll die Selbstbestimmung behinderter Menschen fördern. Die Unterzeichner rufen die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung im Saarland auf, ihre Pläne zurückzunehmen. Sie begrüßen in diesem Zusammenhang auch die Entscheidung des Landesbehindertenbeirats, die Verabschiedung des saarländischen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zu verschieben, weil der bisherige Entwurf dem Landesbehindertenbeirat nicht weit genug geht. Die Erklärung ist unterzeichnet von der Saarbrücker Anlaufstelle für Selbstbestimmt Leben (ASL), dem Büro für Kultur- und Sozialarbeit (Bous), der Landesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener (LAG PE) Saarland, dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener BPE e.V., der Europäischen Gesellschaft zur Förderung von Kunst und Kultur in der Psychiatrie e.V. Experten und Einrichtungen aus Gesundheit und Therapie haben sich der Kritik angeschlossen, Allgemeinpresse und Fachmedien greifen das Thema erfreulich sensibel auf.

Beispielhaft drei Kommentare aus dem BürgerInnenengagement. Vom Büro für Kultur- und Sozialarbeit (Bous) heißt es: „Das ist der Weg in die falsche Richtung. Es darf nicht sein, dass Idee, Wirkung und Zielführung (des PB) verfälscht werden. Die Gehandicapten wollen (und sollen) ja ..raus aus Klinik, WfB, Wohn- und Tageseinrichtung, Reha oder Krankengymnastik. Sogar unter finanziellem Aspekt erscheint die mitgeteilte Denkweise verkehrt und rückschrittlich.“ Die Saarbrücker ASL verweist zusätzlich auf die Mitteilungen vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, wonach die behinderten BürgerInnen als Experten in eigener Sache entscheiden sollen, welche Hilfen für sie am besten sind und welcher Dienst und welche Person zu dem von ihnen gewünschten Zeitpunkt eine Leistung erbringen soll.
Dipl.-Psychologe Martin Urban (Esslingen), mit langjähriger Expertenerfahrung auch im Saarland, beurteilt die Vorgänge noch drastischer: „Aus meiner Sicht ist es dies aus juristischer Sicht ein Unding und aus humanitärer Sicht eine Katastrophe, dass dieses fortschrittlichste aller Gesetze im psychosozialen Bereich -das zum Persönlichen Budget- gegen den Sinn des Gesetzestextes … eingeschränkt und beschnitten wird. Das ist ein schweres Unrecht gegenüber den Betroffenen und ihren Grundrechten, und darf daher nicht unwidersprochen hingenommen werden!“

Nachdem die aktuelle Problematik im Persönlichen Budget bekannt wurde, zeigte sich die Behörde plötzlich zum Gespräch mit Interessenvertretern bereit. Diese verdeutlichten dem Amt erneut, dass das Persönliche Budget nicht zu Lasten kranker und behinderter Menschen entfremdet werden dürfe.
Chaosium - Soziokulturelle Theaterarbeit aus Kassel
25.02.2012
Chaosium - Soziokulturelle Theaterarbeit aus Kassel
Haben Sie schon einmal einen Auftritt des Theater Chaosium erlebt?
Kassel. Wenn Sie das Theater Chaosium erleben, werden Unterscheidungskriterien unwichtig. Zumindest auf der Bühne ist es gut, dass jeder so “verrückt” und so “normal” sein darf, wie es das Stück erfordert. Die gemeinsame Arbeit von Menschen mit und ohne Psychoseerfahrung ist für die Theatergruppe selbstverständlich. Einer der Schauspieler formuliert es so: „Es gibt hier kein krank oder gesund mehr..“ Seit Jahren betreibt die Einrichtung zwei Ensembles und hat sich nicht nur in der Kasseler Theaterszene einen Namen gemacht. Für die kontinuierliche Arbeit hat man 2006 den Kasseler Kulturförderpreis erhalten. Beide Ensembles erarbeiten jährlich je eine Produktion.

Die Theatergruppe Chaosium bietet eine intensive Auseinandersetzung mit Theater. Der gemeinsame Erfindungsprozess ermöglicht den Spieler/innen persönliche Erfahrungen einzubringen, eigene Ideen und Darstellungsformen zu entwickeln und szenisch umzusetzen. Im Chaosium Dienstagsprojekt spielen in erster Linie Menschen, die stärker in ambulante psychosoziale Hilfsangebote eingebunden sind. Das Dienstagsprojekt hat sich gerade in den letzten Jahren als Geheimtipp in der Kasseler Theaterlandschaft etabliert. Grundlage der Arbeit ist ein Theatertraining in den Bereichen Körper, Bewegung, Stimme, szenisches Spiel und Improvisation. Stücke werden in einer umkreisenden Suche um ein selbst gewähltes Thema bzw. im frei assoziativen Umgang mit literarischen Vorlagen entwickelt.

Chaosium gehört in Deutschland zu einer eher kleinen Gruppe von kontinuierlichen Theaterangeboten, die sich an Menschen mit und ohne Psychiatrie- und Psychoseerfahrungen richten und dabei einen künstlerischen und kulturell-emanzipatorischen Ansatz verfolgen.Weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannt, war das Ensemble schon auf internationalen Festivals z.B. in München und Padua vertreten. Im Jahr 2010 feierte Theater Chaosium sein 20jähriges Bestehen mit dem europäischen Festival „Theaterwahn“.

Theater Chaosium
c/o Dirk Radunz – Kantstraße 10 – 34121 Kassel
Teleon: 0561 22838 – mobil: 0172 995 945 8
E-Mail: info@theater-chaosium.de
www.theater-chaosium.de
Bürgerbewegung geht für Betroffene in die Öffentlichkeit
24.02.2012
Bürgerbewegung geht für Betroffene in die Öffentlichkeit
Behörde verschweigt neue Praxis im Abbau des Persönlichen Budgets
Saarbrücken. Wie gemeldet, ist das wichtige psychosoziale Hilfsinstrument des Persönlichen Budgets im Saarland in Gefahr. Das Landesamt für Soziales veröffentlichte am 10.02.2012 Daten, wonach die Zahl der PBs im Saarland heute bei 266 Personen liegt, die diese Möglichkeit der selbstbestimmten Teilhabe nutzen. Von den 266 Budgetnehmern erhalten 252 Frauen und Männer ambulante Hilfen zum selbstbestimmten Wohnen und zur Teilhabe am gemeinschaftlichen und kulturellen Leben. Bei 77 Personen liegt eine körperliche oder geistige Behinderung zugrunde, bei 175 Personen liegt eine seelische oder psychische Behinderung vor. Sieben Budgetnehmer haben das Persönliche Budget im Rahmen der allgemeinen Schulbildung gewählt, weitere sieben Personen für ambulante Betreuungsmaßnahmen.

LAS-Direktor Stephan Kolling verlautbart in dieser Information: „Die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit und der Ausbau des Persönlichen Budgets sind wichtige Schritte zur Schaffung einer inklusiven Gesellschaft. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg im Saarland.“ Faktisch -und ohne öffentliche Bekanntgabe- praktiziert das Haus seit 2012 aber das Gegenteil: die selbstbestimmte Teilhabe von Budgetnehmern wird abgebaut, man versucht in die grundliegende, gesetzlich verbriefte Wahlfreiheit der behinderten BürgerInnen einzugreifen.

Betroffene, Selbsthilfeorganisationen, Angehörige und berufliche Experten reagierten erneut mit Bestürzung und der verschärften Kritik, die regionale Stelle sei dsbzgl. für das Saarland vielmehr auf den falschen Weg geraten.

Der saarländische Rundfunk interviewte das Bürgerengagement und nahm sich der vehementen Kritik an. Die jüngste Praxis des Amtes hat gerade bei den betroffenen Menschen mit psychischen Behinderungen starke Ängste und Sorgen ausgelöst, wie berichtet wird. Die Kampagne hat eine Presseerklärung erarbeitet, weitere Aktionen sind geplant. Man verweist erneut mit Nachdruck auf den Widerspruch, dass die saarländische Behörde hier mit den aktuellen nationalen und europäischen Vorgaben und Aktionen nicht in Einklang steht. Auch sei das PB immer noch zu wenig genutzt und bekannt. Wenn jetzt die tragischen Einschnitte nicht zurück genommen würden, werde dies das Ende des Persönlichen Budgets, seiner Idee und Umsetzbarkeit bedeuten.

Termine

20.07.2018
5. Kreativ-Selbsthilfetage RLP am 24./25. August in Saarburg
Workshops Bildhauerei, Lyrik, Natur und Sport. Öffentlicher Infostand
Saarburg. Mit TeilnehmerInnen und BesucherInnen von Saarbrücken bis Wittlich und sogar schon aus Westfalen und Berlin haben sie sich gut entwickelt un mehr
19.07.2018
Letzter Montmartre in Saarbrücken
Art-Transmitter am 18.8. dabei
Saarbrücken. Am Samstag, 18. August 2018 verwandeln Maler des Malclub-Saar in Saarbrücken von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr die barocke Ludwigsplatzanlage w mehr
19.07.2018
„Kunst von Außenseitern“ im Hans-Ralfs-Haus Neustadt
Meisterwerke aus der Sammlung Demirel. Vernissage am 19. August
Neustadt i.H. „Kunst von Außenseitern – Meisterwerke aus der Sammlung Demirel“, heißt eine Ausstellung zum fünfzehnjährigen Bestehen des Hans-Ralfs-Ha mehr